Evaluationskriterien für sprachliche Multimedia-Software

Autor IIK Ansbach e.V.
Prof. Dr. Dr. Gerhard Wazel
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Allgemeines Auszug aus dem Manuskript: "Auswirkungen des Einsatzes interaktiver Medien auf den Lehr- und Lernprozeß"

Damit die mit dem neuen Medium gegebenen großen Chancen nicht vergeben werden und konservative Stimmen nicht die Oberhand gewinnen, die der "Multimedia-Idee" angesichts des auf CD-ROMs gepreßten Datenmülls, dieser runden "Datenfriedhöfe" ihre Nützlichkeit und Innovation absprechen, erweist es sich als notwendig, Kriterien für die Auswahl und Ausarbeitung von Software in den verschiedenen Anwendungsgebieten auszuarbeiten, zu popularisieren und die Nutzer damit vertraut zu machen, um sie zu einem aktiven, kritischen Gebrauch des überbordenden Angebots zu befähigen.

Die Evaluation wird auch eine Hilfe bei Kaufentscheidungen sein; denn im Unterschied etwa zu Musik-CDs gibt es auf dem Markt für CD-ROMs, deren physische Produktion inzwischen auf ca. 1 DM pro Kopie gefallen ist, keine Preisstruktur. Das heißt, es kommt zu beträchtlichen, ungerechtfertigten Preisunterschieden. Zum Teil handelt es sich um willkürlich festgesetzte Phantasiepreise, was letztlich zu Preiskämpfen, Straßenpreisen und zu einem aggressiven Verdrängungswettbewerb führt. Dies gilt auch für Deutschland, wo 350 - 400 Firmen unterschiedlicher Größenordnung mit ca. 1800 Beschäftigten CD-ROM-Software produzieren bzw. anbieten. Für einigermaßen diskutable CD-ROM-Produktionen zahlt man heute zwischen 30 bis 130 DM, doch 300 bis 500 DM werden auch verlangt, wobei eben die Produktionskosten im Gegensatz zur Praxis bei den Massenmedien von vornherein variabel an den Anwender delegiert werden, weil man Multimedia noch als Special-Interest-Medium ansieht. Nicht zu unrecht spricht man daher von einer "Innovationsrente", die der Verbraucher dem Produzenten gewähren muß.

Kaufentscheidungen fallen dem Nutzer umso schwerer, als er in der Regel vorher keinen Einblick in den Inhalt nehmen kann und nur über meist attraktiv gestylte Hüllen, großformatige Verpackungen mit vollmundigen Versprechungen angelockt wird. Einige Zeitschriften, wie "Screen Multimedia", "Data News" und andere sind inzwischen dazu übergegangen, Neuerscheinungen kurz vorzustellen und zu bewerten. Wir haben unsererseits speziell die Sprachprogramme etwas ausführlicher gutachtervalidiert und in Sprachkursen getestet. Auch dabei bestätigte sich die allgemeine Feststellung, daß mehr als 90 % der Produktionen schon normalen Anforderungen einer modernen Didaktik nicht standhalten.

Bei der Ausarbeitung der Evaluations- und Produktionskriterien müssen die oben erwähnten Bereiche (ergo: Ziele, fachliche Inhalte, mediale, didaktische, programmiertechnische, ergonomische, ethische, erzieherische Gestaltung) Beachtung finden, und man braucht nicht ab ovo zu beginnen, da in den letzten Jahren fundierte Prüflisten und Kriterienkataloge zur Computer- und Videoteachware vorgelegt wurden, die cum grano salis auf Hypermedia-

Produkte anwendbar sind (vgl. unsere Ausführungen in "Materialien DaF", Heft 33: "Deutsch als Fremdsprache im europäischen Binnenmarkt"), wenngleich selbstredend die Besonderheiten Beachtung finden müssen, die sich aus den differenten Medien und ihrer Integration ergeben. Andererseits ist zu beachten, daß im Einzelfalle nicht alle Potenzen ausgeschöpft werden müssen, die das Medium bereitstellt. Welche der Möglichkeiten genutzt werden, hängt bei Teachware in erster Linie vom Unterrichtsziel, den zu vermittelnden Inhalten und dem Ökonomieprinzip (Aufwand für Lerner und Lehrer) ab. Das heißt, es gilt, Inhalte, Botschaften und Geschichten zu finden, die sich optimal mit interaktiven, medienintegrierenden Mitteln präsentieren lassen (Screen Multimedia 2/95,12).

Die Nutzer sollten schließlich

  • mit dem Angebot an empfehlenswerter Software in ihrem Arbeitsbereich vertraut gemacht und für ihre Nutzung motiviert werden
  • anhand positiver und negativer Beispiele über Qualitätsstandards informiert und an dieselben gewöhnt
  • in die Benutzung der Programme eingeführt
  • idealerweise aktiv an der Produktion von Software mittels Tools (etwa: Autorenprogramme) beteiligt werden
  • über Wesen und Perspektive der Datenfernübertragung (DFÜ) in den verschiedenen Formen informiert sowie an die selbständige Arbeit mit dieser herangeführt werden.

Die Beratungsstelle für Neue Technologien des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalens (1994) formulierte einige wichtige allgemeine Anforderungen an die interaktiven Medien für den Unterricht, die u.E. eine Hilfe bei der Auswahl und der Produktion von Lernprogrammen sein können:

Interaktive Medien sollten

  1. ein aktiv konstruierendes und handlungsorientiertes Lernen herausfordern
  2. einen erfahrungsorientierten Unterricht unterstützen
  3. aufbauend auf einem erfahrungsorientierten auch einen wissenschaftsorientierten Unterricht unterstützen
  4. einen zukunftsorientierten Unterricht unterstützen
  5. wegen ihrer steigenden Komplexität selbstreflexiv sein.

Nachdem wir die für alle Computerprogramme gültigen Anforderungen skizziert haben, wollen wir in erster Näherung einige Anforderungen zur Diskussion stellen, die unserer Auffassung nach zusätzlich für multi- bzw. hypermediale Programme gelten sollten. Dabei beschränken wir uns auf Software-Einheiten, die von vornherein für das Fremdsprachenlernen gedacht und konzipiert worden sind. Wir lassen ergo an dieser Stelle die für das Selbstlernen ebenfalls in hohem Maße interessanten fremdsprachigen Lexika, Baedeker, Kataloge, Musik-CD-ROMs und auch Spiele außer Betracht, die gegenwärtig für die Fremdsprache-Instruktion insofern teilweise mehr Bedeutung haben, als sie eine höhere Qualität aufweisen als die vielen schwachen Lernprogramme und weil der Einsatz von Multimedia in den Schulen in dieser Phase eher darauf zielt, die Lerner mit dem Medium, seinen Potenzen und den empfehlenswerten CD-ROMs bekanntzumachen bzw. sie für Qualitätsmerkmale zu sensibilisieren.

Ferner konzentrieren wir uns aufgrund der unzulänglichen Hardwareausstattung an den Schulen und der gegenwärtig noch ungenügenden Vorbildung der meisten Lehrer in bezug auf Multimedia/Hypermedia auf Programme für den Homebereich bzw. für das Selbstlernen, d.h. auf Programme, die sich selbst erklären bzw. keinen Interpreten benötigen, um eingesetzt werden zu können. Ferner beziehen wir allgemeine Gestaltungsprinzipien ein, gegen die in den gegenwärtigen CD-ROM-Produktionen verstoßen wird bzw. die keine oder zu wenig Beachtung finden.

Ziele/Inhalte
  • Das Programm verfolgt zumindest im Ansatz bzw. von der Intention her nicht nur das Konzept "Lernen durch den Computer", sondern auch "mit dem Computer" (Computer als Werk- und Denkzeug: z.B. zur Textverarbeitung, Informationsrecherche, Datenverarbeitung, zum Problemlösen, Umgehen mit Komplexität und Flexibilität).
  • Auch wenn es sich vordergründig um Programme zur Grammatik, Lexik oder Phonetik handelt, zielen sie auf die Entwicklung der Zieltätigkeiten bzw. Kompetenzen: Hör- und Leseverstehen, Sprechen, Schreiben, evtl. Übersetzen/Dolmetschen, d.h., der Transfer der erworbenen Kenntnisse in die Sprachtätigkeit ist zu organisieren.
  • Es sind die mit Multimedia/Hypermedia gegebenen Potenzen zu einer anschaulichen, lebendigen, emotionalen, kommunikativ-kognitiven Darstellung landeskundlich-interkultureller Gegebenheiten auszunutzen.
  • Die Einheiten ermöglichen sowohl explizites Lernen (bewußter, zielstrebiger Prozeß) als auch impliziertes/zufälliges Lernen (erwünschter Nebeneffekt), und sie üben den multisensorischen autodidaktischen Wissens- und Könnenserwerb ein (selbstbestimmtes, entdeckendes Lernen, Entwicklung von Lernstrategien).
  • Das Programm erfüllt die inhaltlichen Erwartungen und Anforderungen der Benutzer bzw. des Lehrgangs und führt interaktiv tatsächlich zu einem Kenntnis- und Könnenszuwachs. Idealiter ist es sprachlich kontrastiv bzw. konfrontativ und/oder aufgrund von Fehleranalysen in der Zählpopulation aufgebaut.
  • Das Medium ermöglicht wie kein anderes das für das Leben in der Informationsgesellschaft erforderliche integrative, fächerübergreifende Lernen und Arbeiten, das die Disponibilität und Dynamik für wechselnde Arbeitserfordernisse sichert. Dieses fächer- bzw. disziplinübergreifende, anschauliche Lernen ist auch im jeweiligen Programm zu organisieren.
Dokumentation/ Zusatzmaterial
  • Die im Programm enthaltene sowie in schriftlicher Kurzform vorliegende Dokumentation ist verständlich und reicht aus, um das Programm erfolgreich, platzsparend und in der üblichen Weise zu installieren, zu starten, zu kopieren und abzuarbeiten. Sie informiert über Fehlermeldungen und gibt Pannenhilfe. Befehle, Funktionen und Optionen sind übersichtlich dargestellt. Fehlerlisten, Arbeitslätter, Tests etc. können aufgrund der Dokumentation problemlos auf dem jeweils zur Verfügung stehenden Drucker ausgegeben werden.
  • Programme zur Entwicklung des Hör-Seh-Verstehens und Sprechens sollten eventuell ein zusätzliches Videomaterial enthalten.
  • Die Dokumentation beinhaltet einen Überblick über Lerninhalt und -ziele, eine Begründung der Stoffauswahl und der verwendeten Methoden.
Didaktische, erzieherische, ethische Gestaltung
  • Die Einheit entspricht in ihrer didaktischen, erzieherischen und ethischen Gestaltung den Anforderungen einer modernen fremdsprachlichen Unterrichtslehre (vor allem kommunikativ-kognitive bzw. interkulturelle Orientierung).
  • Sie nutzt die Vorteile des computergestützten Lernens so weit wie möglich aus, d.h. vor allem: adaptive Lernsteuerung, konsequente Arbeit mit Hypertext-Verzweigungen, Menüsteuerung zur Sicherung einer weitgehenden Individualisierung der Lerntätigkeit auch in relativ geschlossenen Programmen.
  • Das Programm weist benutzerfreundliche Darbietungs- bzw. Arbeitsweisen auf, bei denen es nicht zu dem berüchtigten "Lost-in-Hypertext-Gefühl" kommt, was heute leider noch häufig der Fall ist; denn wir befinden uns offenbar noch in der Phase, die Antoine de Saint Exupéry als mittlere Entwicklungsphase der Technik beschreibt: "Die Technik entwickelt sich immer vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen."
  • Es enthält ein einsehbares Wörterbuch, einen Orthographiechecker, grammatische Hilfsoptionen, sinnvolle, wählbare Hilfen zur Bewältigung der Aufgaben, eine adäquate Anwortverarbeitung (einschließlich Akzeptieren von Synonymen) und -korrektur.
  • Es wird mit einer Vielzahl von kommunikativen Aufgaben- und Übungsformen gearbeitet, obschon das einzelne Lern- und Übungsprogramm im Interesse der Benutzerfreundlichkeit betreffs der Übungsformen eine gewisse Standardisierung, d.h. Konzentration auf bestimmte Formen, wünschenswert erscheinen läßt.
  • Im Prinzip wird mit aktuellem, authentischem, situationsadäquatem, korrektem Sprachmaterial gearbeitet, das in der Regel von vorbildlich sprechenden Muttersprachlern unter Beachtung einer adäquaten nonverbalen Gestaltung vorgetragen wird. Dieses Material steht auf Anforderung verschriftlicht zur Verfügung und kann wiederholt werden.
  • Der multimediale Kontext trägt zur Semantisierung bei.
  • Das Lerntempo wird vom Lerner bestimmt.
  • Als günstig erweisen sich Lernprotokolle.
  • Neben geschlossenen sollten auch halboffene Programme angeboten werden, die der Lerner durch eigenes sprachliches Material ergänzt.
  • Der Lerner kann entscheiden, ob er die Arbeitsinstruktionen, Übungsanleitungen, grammatischen Erläuterungen usw. in der Fremdsprache oder in seiner Mutter- bzw. Basissprache dargeboten bekommt. (Oftmals sind die Übungsanweisungen sprachlich komplizierter als die Übungen selbst.) Die Hilfen sind ebenfalls wählbar.
  • Im Idealfall kann der Lerner über sein Einstiegsniveau, den Umfang der Lernschritte und den Schwierigkeitsgrad entscheiden.
  • Das Programm nutzt die technischen Möglichkeiten der Hardware (Hypertext, geschriebene und gesprochene Sprache, Ton, Grafik, Animation, Foto evtl. Video), damit eine multisensorische Arbeit möglich wird (die linke und die rechte Hirnhemisphäre werden gleichermaßen angesprochen); welche Medien tatsächlich Verwendung finden, hängt vom jeweiligen Zweck ab.
  • Es wurde exakt validiert/evaluiert (Gutachtervalidierung und Validierung/Evaluierung mit Adressaten) und aufgrund der Validierungsergebnisse inhaltlich, didaktisch, gestalterisch optimiert.
Mediale/ programmtechnische/ ergonomische Gestaltung
  • Das Programm integriert und harmonisiert die Kommunikationskanäle mit Synergieeffekt. Vor allem das adäquate Sprach-Bild-Film-Ton-Verhältnis und das richtige Grafik-Text-Verhältnis finden Beachtung.
  • Bild- und Tonqualität entsprechen dem höchsten Standard.
  • Das Programm ist selbststartend.
  • Das Programm stürzt nicht ab, wenn willkürliche, vom Programmierer nicht vorgesehene Tastenkombinationen eingegeben werden.
  • Es bietet ausreichende Speichermöglichkeiten für Einträge des Lerners.
  • An jeder Stelle ist ein Programmausstieg möglich.
  • Der übersichtliche, ergonomisch gestaltete Bildschirm wird rasch aufgebaut. Das Layout ist übersichtlich und anregend. Die Anordnung von Hilfen, Rückmeldungen, Bewertungen etc. erscheinen, dem Standard entsprechend, stets an der gleichen Stelle (pull-down, pop-up, Fußzeilen-Menüs). Farben, grafische Gestaltung, Schrift entsprechen der didaktischen Funktion und verfolgen keine Effekthascherei (wie in einer Vielzahl derzeitiger Programme). Die Menüsteuerung erfolgt über standardisierte Ikonen und gestattet eine reibungslose Arbeit.
  • Gedankengänge und Bildschirmseiten korrespondieren weitgehend.

 
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