Auswirkungen des Einsatzes interaktiver Medien auf den Lehr- und Lernprozeß | ||||
| Autor | IIK Ansbach e.V. Prof. Dr. Dr. Gerhard Wazel Johann-Sebastian-Bach-Platz 7 D-91522 Ansbach Tel: 0981 / 977 161 Fax: 0981 / 977162 |
|||
| Kurzfassung | (Der ausführliche Beitrag erscheint in einem Sammelband der
Lehrerfortbildungsakademie Dillingen zur Freiarbeit mit dem Computer.) Der Einsatz interaktiver Medien hat aller Wahrscheinlichkeit nach,
verglichen mit den bisher praktizierten, differenten Formen des
Lehr- und Lernprozesses, eine Veränderung der Aktantenkonstellationen
und der Rahmenbedingungen des Lehrens und Lernens zur Folge.
Die Vielfalt der Variablen bedingt, daß nachfolgend nur
bestimmte Tendenzen der Veränderung skizziert werden können,
die in empirischen Untersuchungen auf ihre Richtigkeit hin zu
überprüfen sind. | |||
| Bildungs- und Erziehungsziele |
In der Theorie, weniger in der Unterrichtspraxis hat sich inzwischen
angesichts des Übergangs von der Industrie- zur Informations-
bzw. Kommunikationsgesellschaft, aber auch aufgrund der sozialen
und gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahren
die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Bildungs- und Erziehungsziele
im Hinblick auf die gegenwärtigen, vor allem aber die künftigen
Anforderungen an das Individuum dringend neu durchdacht und gewichtet
werden müssen.
B.Gates (1995, 269) weist auf einen weiteren Vorzug dieser Systeme
hin, wenn er meint, daß dieselbe Technologie, die es Levi
Strauss&Co. heute gestattet, Jeans anzubieten, die Massenproduktion
und Maßfertigung zugleich sind, auch im Schulbereich ein
massenhaftes individuelles Lernen ermöglichen wird.
Der Umgang mit diesen Systemen setzt einen vergleichsweise hohen
Standard der informationstechnischen Bildung in nahezu allen Schichten
und Berufen voraus. Es ist nicht übertrieben, wenn verlangt
wird, die Informationstechnik allgemein als lebenswichtige Kulturtechnik
anzusehen und zu vermitteln: "Wir erleben heute die Anfänge
einer zweiten Alphabetisierung. Die Periode der Schriftlichkeit,
die durch den Buchdruck vor 500 Jahren erhebliche Steigerung erfahren
hat, tritt in eine neue Phase: Radio, Film, Fernsehen und Computer,
vor allem aber die Vernetzung dieser Medien durch die Digitalisierung
stellen die Menschen als audiovisuelle Lebewesen vor eine neue
Situation. Sie müssen Techniken einüben, deren Komplexität
das Erlernen von Schriftzeichen bei weitem übertrifft."
(Focus, 30.12.95, 64) Von der Erfüllung dieser Forderung nach einer großflächigen informationstechnischen Grundbildung für alle und ihrer Integration in die curriculare Struktur von Bildung, Aus- und Fortbildung sind wir noch weit entfernt. Bildungsexperten wie Haefner (1988, 15 ff.) sprechen von einem breiten, anachronistischen informationstechnischen Analphabetismus, dessen sich die meisten nicht bewußt sind, sich nicht schämen oder den einige sogar stolz polemisch vor sich hertragen.
Teilweise liegt dies auch am Informatikunterricht und an Bildungsträgern,
die unter informationstechnischer Grundbildung immer noch das
Theoretisieren über die Wirkungsweise des Computers und die
formalisierte Vermittlung von Programmierungstechniken und Programmiersprachen
der 60er Jahre (etwa BASIC) verstehen und die noch nicht zur Kenntnis
genommen haben, daß die gegenwärtige Mensch-Maschine-Kommunikation
eine ganz andere Struktur aufweist, sie ergo ihre Kursteilnehmer
mit Überflüssigem traktieren, anstatt sie zum Verständnis
der modernen Prinzipien der Informationstechnik einschließlich
der Telekommunikation zu führen, sie zu einer bewußten
und produktiv-kritischen Nutzung eben dieser Technik zu befähigen.
Dazu zählt auch die Befähigung zum Umgang mit einem
Multimedia-PC, zur Nutzung vorhandener Datenbanken und zur rechneradäquaten
Vorstrukturierung von Daten zwecks Verarbeitung auf dem Rechner.
Der bisherige, z.T. in der Praxis kaum nutzbare Computerführerschein
sollte daher deutlich praxisbezogenere Leistungen beinhalten und
als Multimediaführerschein konzipiert sein, der den effektiven
Umgang mit der neuesten Software (Betriebssystem, Textverarbeitungs-,
Kalkulations- und Datenbankprogramme, Expertensysteme) und den
Telekommunikationsdiensten einschließt.
Auch bezüglich der Vermittlung eines angemessenen Freizeitverständnisses
und der Gestaltungsfähigkeit der Freizeit in der Familie
muß das Bildungswesen mehr Beratungsleistung erbringen. | |||
| Alter und allgemeine Lernerfahrung der Lerner |
Angesichts der vielen Berichte über computer- bzw. videospielbesessene Kinder wäre zu schlußfolgern, daß bestimmte Erkenntnisse der Erwachsenenpsychologie, etwa die betreffs der im allgemeinen größeren Belastbarkeit und Konzentrationsdauer Erwachsener im Vergleich mit Kindern, ihrer intensiveren habituellen Motivation insbesondere im Zusammenhang mit ihrem Beruf, des relativ gut entwickelten Berufsgedächtnisses, der starken logisch-diskursiven Vorgehensweise, der ausgeprägten mittelbaren Art der Stoffaneignung, der bewußten Nutzung von Lernstrategien, der entwickelteren Fähigkeit zur Informationsverdichtung usw. beim Gebrauch interaktiver Medien außer Kraft gesetzt wären. Dies ist u.E. eine falsche Annahme.
Seriöse empirische Untersuchungen des Verhaltens von Computerspielern
ergaben beispielsweise sogar, daß die ausdauerndsten Spieler
weniger bei den Kindern als bei der Gruppe der 18-25-Jährigen,
also bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen, vorkommen.
Erwartungsgemäß ist das Lernverhalten der Kinder auch
viel stärker von der Aktualmotivation in Gestalt von Anschaulichkeit,
Aktion, Medienwechsel etc. abhängig als das der Erwachsenen.
Sind die Programme nicht dementsprechend gestaltet, dann steht
der Unterrichtende stärker unter Druck, seinen Unterricht
im Anschluß an die Programmarbeit aktionsreicher, lebendiger
zu gestalten, da die Lerner während der Programmarbeit sehr
angestrengt tätig sind.
Sowohl bei der Programmgestaltung als auch bei der Realisierung
der Unterrichtsphasen ohne Computereinsatz sind folglich die Besonderheiten
des kindlichen Lernens einerseits und des Lernverhaltens Erwachsener
andererseits zu beachten. Ins Auge springt auch die differente Art des Einstiegs in die Arbeit mit dem Computer bzw. mit den verschiedenen Programmen. Während die Erwachsenen in der Regel systematisch nach vorliegenden, oft in schlimmem Kauderwelsch geschriebenen (weil ungekonnt aus dem (amerikanischen) Englisch übersetzten) Anleitungen vorgehen, steigen die Kinder stochastisch durch Probieren, Versuch-und- Irrtum-Verfahren ein. So kommen sie in der Regel schneller zu einem Ergebnis als die Erwachsenen, versagen dann aber häufig bei spezifischen Aufgaben. Der Programmierer ist folglich gehalten, diesen unterschiedlichen Zugang ins Kalkül zu ziehen, und der Unterrichtende muß bei Kindern und Jugendlichen mehr Wert auf die Systematisierung der durch das stochastische Lernen erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten legen als im Unterricht für erwachsene Lerner.
Sowohl bei der Programmgestaltung als auch in den vom Lehrer selbst
bestrittenen Unterrichtsabschnitten ist bei Kindern und Jugendlichen
viel mehr Wert auf die Vermittlung/Einübung von Lernstrategien
zu legen, womit wiederum der Wert der Vermittlung prozeduralen
Wissens und Könnens bis hin zu der wissenschaftlicher Methoden
(z.B. induktive, deduktive, heuristische, hermeneutische, diskursive)
und Verfahrensweisen der Erkenntnisgewinnung (z.B. ordnen, klassifizieren,
systematisieren, vergleichen, übertragen) deutlich wird. | |||
| Ausstattungsgrad der Bildungseinrichtungen mit moderner Hard- und Software |
Eine entscheidende, wenngleich u.E. vor allem von Bedenkenträgern
tendenziös überstrapazierte Variable ist natürlich
der Ausstattungsgrad der Bildungseinrichtungen mit moderner Hard-
und Software.
In diesem Zusammenhang bleibt einerseits oftmals bewußt
oder unbewußt der quantitativ und qualitativ hohe Ausstattungsgrad
im Homebereich außer Betracht, der durch Mehrfachnutzung
potenziert wird. Eine Vollausstattung mit vernetzten, modernen Multimedia-Computern, Server, Druckern, Datendisplay/Beamer, Scanner, u.U. auch interaktivem Video sowie Online-Anbindung dürfte zu Bildungszwecken gegenwärtig in erster Linie an höheren Bildungseinrichtungen (Universitäten, Fachhochschulen, Fortbildungsakademien etc.), Fortbildungszentren der Wirtschaft (einschließlich IHKs) und bei privaten Bildungsträgern (wie dem IIK) zu realisieren, aber auch zu fordern sein, in Einrichtungen der Erwachsenenbildung folglich, wo jedem Teilnehmer in den Phasen der Arbeit mit den interaktiven Medien ein eigener PC zur Verfügung steht, der ihm die individualisierende Arbeit ermöglicht.
Unter Vollausstattung wird indessen nicht immer das Vorhandensein
stationärer Computer verstanden, sondern die Verfügungsgewalt
aller Lerner über je einen Computer, und zwar sehr häufig
über einen eigenen, geleasten oder von der Bildungseinrichtung
zur Verfügung gestellten Laptop. Für die individualisierende Arbeit ist allerdings die entsprechende Software vonnöten. Auch hier klafft zwar auch im Erwachsenenbereich eine breite Kluft zu der wesentlich weiter entwickelten Hardware, und die Programme wurden, von Ausnahmen abgesehen, ohne viel Rücksicht auf den konkreten Nutzer verfaßt. Sie sind oftmals Übersetzungen oder platte Übertragungen aus dem Englischen, schwer zu bedienen, enthalten häufig überflüssige, den Nutzer eher verwirrende Funktionen, die in den beigefügten Handbüchern oder integrierten Beschreibungen umständlich und unverständlich beschrieben werden, und sie wurden ohne Kenntnis elementarer erwachsenenpädagogischer und -psychologischer Spezifika konzipiert. Aber weil die Erwachsenen,wie oben dargestellt, über größere Lernerfahrungen, eine stärkere willkürliche Aufmerksamkeit und größere Geduld verfügen, läßt sich dieser Mangel unter Anleitung des Lehrenden oder Partners überwinden.
Sobald das grundsätzliche Funktionieren interiorisiert wurde,
kann insbesondere die professionelle Anwendersoftware, sprich
Textverarbeitungs-, Tabellenkalkulations-, Datenbank-, Zeichensoftware
usw., weitgehend selbständig verwendet bzw. im Detail erlernt
und der Zugang zu den Online-Diensten zur Lösung der gestellten
Aufgaben genutzt werden.
Weil insonderheit der Erwachsenenunterricht - so unsere Erfahrung
aus entsprechenden Kursen - am effektivsten als Projektunterricht
zu konzipieren ist, spielt die Kooperation der Kursteilnehmer
auch am PC eine wichtige Rolle, wodurch der gewünschte Nebeneffekt
"Entwicklung der Teamfähigkeit bzw. -arbeit" entsteht.
Auch ohne ausdrücklichen Hinweis der Lehrkraft finden sich
kleine Gruppen um einen PC zwecks Problemlösung zusammen
und dikutieren (im Fremdsprachenunterricht größtenteils
in der Zielsprache) die Lösungsvarianten und Ergebnisse.
Für die erwachsenen Nutzer liegen inzwischen auch zahlreiche
allgemeine und berufsspezifische Nachschlagewerke vor. Mit dem PC können eigentlich alle didaktischen Funktionen bedient werden: motivierende Hinführung/Einstimmung, Erarbeitung, Vertiefung mit Transfer, Sicherung, Systematisierung und Kontrolle, wenngleich auch hier die Selbstinformation der Teilnehmer und die Übung im Vordergrund stehen dürften.
Hinführung, Sicherung und Kontrolle werden wohl größtenteils
von der Lehrkraft vorgenommen werden, deren Hauptaufgabe indessen
in der Entwicklung der unter 1. dargestellten allgemeinen Fähigkeiten
besteht.
Die Nutzung offener, d.h. hypertextbasierter, im Extremfall durch
Online-Anbindung nahezu unendlich umfangreicher Quellen setzt
nicht nur die Beherrschung der Informationstechniken voraus, damit
sich der Lerner nicht im Hyperspace verliert. Sie macht auch Selbstdisziplin
erforderlich, die man bei Erwachsenen natürlich eher findet
als bei Kindern.
Neben den offenen kommen im Erwachsenenunterricht selbstredend
- vor allem in der Einstiegsphase in die Arbeit mit interaktiven
Medien - auch geschlossene Programme mit und ohne Hypertext zum
Einsatz. Sie repräsentieren eher den Typ "Lernen durch
den Computer" und weniger "mit dem Computer". Ihre
Zahl überwiegt im gegenwärtigen Programmangebot, und
sie weisen fast ausnahmslos die oben skizzierten Schwächen
in inhaltlicher, didaktischer und programmiertechnischer Hinsicht
auf. Künftig müssen neue, nicht nach dem Muster der
Programmierten Instruktion konzipierte geschlossene und halboffene
Programme - vielleicht unter Nutzung von Expertensystemen - auch
für den Erwachsenenunterricht produziert werden, aber sie
sollten durch offene oder halboffene Programme majorisiert werden.
Eine wichtige Form der Nutzung der interaktiven Medien ist die der berufsbegleitenden Fortbildung, sei es via eigenen oder betriebseigenen PC von zu Hause oder vom Betrieb aus. Besonders bei Vollausstattung bzw. freiem Zugang der Lerner zu einem Computer verändert sich sowohl die Art des Lernens als auch die Funktion des Lehrenden in gravierender Weise.
W.v.Lück (BMWi-Report 1995, 30) skizziert die neuen Rollenverteilungen
auf der Lehrer- und der Lernerseite in treffender Weise. Die neuen
Medien fördern seiner Meinung nach "die Qualität
des Lernens, die Lernende zum Fragen, Staunen und Verwundern anregen,
die ihre eigenen Interessen und Gefühle aufgreifen, die an
persönliche Erfahrungen und Beobachtungen anknüpfen,
die sie für sinnliche "Wahr-Nehmungen" und authentische
Begegnungen aufschließen und die keinen Lernweg vorgeben.
Medien dieser Art fördern eigenaktive Tätigkeiten wie:
lesen, stöbern, schreiben, anordnen, strukturieren, umgestalten,
modellieren und simulieren. Solche Medien besitzen in der Regel
im hypermedialen Datenbestand auch vielfältige Dokumente,
die zum gemeinschaftlichen Handeln herausfordern wie: diskutieren,
interpretieren, bewerten, befragen, beobachten und experimentieren.
Operative Werkzeuge in diesen Medien erlauben, mit einer zunehmenden
Fülle von Text-, Grafik-, Ton- und Animationsbausteinen,
Komplexitäten aufzu"schreiben" oder Informationen
zu komplexen Sach- und Sinnverhalten zu finden, diese zu "rechnen"
und zu "lesen". Lesen, Schreiben und Rechnen müssen
heute viel umfassender gesehen werden. Neu bestimmt sind sie in
der Informationsgesellschaft wichtige Basisqualifikationen für
alle Menschen."
Auf der Lehrerseite wird das, was von den Vertretern des schülerzentrierten
Lernens schon seit Ende der 70er Jahre gefordert wird, zwingend:
der Rollenwechsel vom Instruktor zum Entwickler übergeordneter
Qualifikationen, zum Organisator, Moderator, Motivator, Trainer,
Partner, Stimulator der Kreativität, Kommunikationsbrücke
zur Welt (Gates 1995,288) oder wie immer man diese Funktion beschreiben
will.
Da die Ausstattung der Schulen mit einer ausreichenden Zahl von
Multimedia-Computern in absehbarer Zeit eine Illusion bleiben
dürfte - es fehlt schließlich sogar das Geld für
die Einrichtung moderner Fachkabinette - , wird man wohl nach
dem Vorbild der USA ein "Educational Sponsoring" ins
Auge fassen müssen. Leasing statt Kauf ist ebenfalls empfehlenswert.
Da auch dies nicht flächendeckend zu realisieren sein wird,
sollte man die Schulen zumindest befähigen, Anschluß
an eines der Datennetze, vor allem an das WWW des Internet, herzustellen,
was übrigens bereits die nordeuropäischen Länder
Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland bis zum Jahre 2000
für sämtliche Schulen beschlossen haben. Dies setzt
lediglich die Anschaffung eines modembestückten Computers
und eines Displays voraus. CD-ROMs werden wohl eher auf heimischen
PCs von Schülern und Lehrern zum Einsatz kommen. Die inzwischen gefaßten Beschlüsse der Landesregierungen werden indessen gewiß auch in den Schulen Wirkung zeigen.
Bis dahin sollte man jedoch nicht warten, sondern die bereits
vorhandenen Möglichkeiten im Home- und schulischen Bereich
mit Unterstützung der Schulleitungen, Elternbeiräte,
Schulfördervereine bündeln und für das schulische
und außerschulische Lernen nutzbar machen. Das Softwareangebot für Schüler ist trotz der scheinbaren Vielfalt keineswegs so breit gefächert wie das für Erwachsene. Von Opulenz kann lediglich bei den Computerspielen gesprochen werden. Hier reicht die Palette von spannenden Geschicklichkeitsspielen mit Sprachanteilen bis hin zu primitiven Ballerproduktionen, z.T. mit rassistischem, sexistischem, pornografischem oder nazistischem Hintergrund. Ein Großteil kommt aus den USA und Japan oder ist japanischen und amerikanischen Produktionen nachempfunden, ohne daß interkulturelle Unterschiede beachtet werden. Pädagogische Erfahrungen und Erkenntnisse fanden weder hier noch bei den meisten Lernprogrammen mit Spielelementen genügend Aufmerksamkeit. Selbst in derart gelobten Programmen wie dem "Kleinen Bauernhof" gibt es keine durchgehende Linie, werden modische Elemente (wie die Dinosaurier) angeklebt, und der Humor ist von eigenartiger Beschaffenheit, weder für Kinder noch für Erwachsene geeignet. In der ebenfalls oft erwähnten "Multimedialen Märchenstunde" werden sogar die Märchen so schlecht präsentiert, daß einem die Lust am Zuhören vergeht.
Deutsche Spiele wirken im Gegensatz zu amerikanischen (wie z.B.
"The magic schoolbus explores the human body") gequält
lustig und können nur selten überzeugen. Ausnahmen sind
einige Sprach-, Musik- und Biologieprogramme.
Damit die mit dem neuen Medium gegebenen großen Chancen
nicht vergeben werden und konservative Stimmen nicht die Oberhand
gewinnen, die der "Multimedia-Idee" angesichts des auf
CD-ROMs gepreßten Datenmülls, dieser runden "Datenfriedhöfe"
ihre Nützlichkeit und Innovation absprechen, erweist es sich
als notwendig, Kriterien für die Auswahl und Ausarbeitung
von Software in den verschiedenen Anwendungsgebieten auszuarbeiten,
zu popularisieren und die Nutzer damit vertraut zu machen, um
sie zu einem aktiven, kritischen Gebrauch des überbordenden
Angebots zu befähigen. Bei der Ausarbeitung der Evaluations- und Produktionskriterien müssen die oben erwähnten Bereiche (ergo: Ziele, fachliche Inhalte, mediale, didaktische, programmiertechnische, ergonomische, ethische, erzieherische Gestaltung) Beachtung finden, und man braucht nicht ab ovo zu beginnen, da in den letzten Jahren fundierte Prüflisten und Kriterienkataloge zur Computer- und Videoteachware vorgelegt wurden, die cum grano salis auf Hypermedia-Produkte anwendbar sind (vgl. unsere Ausführungen in "Materialien DaF", Heft 33: "Deutsch als Fremdsprache im europäischen Binnenmarkt"), wenngleich selbstredend die Besonderheiten Beachtung finden müssen, die sich aus den differenten Medien und ihrer Integration ergeben. Andererseits ist zu beachten, daß im Einzelfalle nicht alle Potenzen ausgeschöpft werden müssen, die das Medium bereitstellt. Welche der Möglichkeiten genutzt werden, hängt bei Teachware in erster Linie vom Unterrichtsziel, den zu vermittelnden Inhalten und dem Ökonomieprinzip (Aufwand für Lerner und Lehrer) ab. Das heißt, es gilt, Inhalte, Botschaften und Geschichten zu finden, die sich optimal mit interaktiven, medienintegrierenden Mitteln präsentieren lassen (Screen Multimedia 2/95,12). Die Nutzer sollten schließlich
Angesichts der derzeitigen ungenügenden Hard- und Softwarevoraussetzungen
an den Schulen, aber auch an den meisten anderen Bildungseinrichtungen
sowie der ungenügenden Vorbildung der Lehrer dürfte
der Einsatz von Hypermedia-Software, wie bereits erwähnt,
vorerst in erster Linie an Hometerminals stattfinden, wenn nicht
radikale Maßnahmen eingeleitet werden und die Entscheidungsträger
nicht bei den vielerorts geäußerten Allgemeinplätzen
über ein multimediales Schulzeitalter, die multimediale Revolution
zur Sicherung des Zukunftsstandortes Deutschland stehen bleiben.
Sofern Hypermedia-Software im Unterricht eingesetzt wird, wird
es gewiß zunächst vor allem darum gehen, die Lehrer
und sodann die Lerner bewußt mit den Besonderheiten des
Mediums vertraut zu machen und sie für die Beachtung von
Qualitätskriterien zu sensibilisieren, damit sie eine Orientierung
für die Anschaffung empfehlenswerter Software und das Navigieren
in den Telekommunikationsnetzen erhalten.
Der nächste Schritt wäre sodann die Integration der
hypermedialen Software in den Unterricht, zunächst gewiß
als Mittel der Veranschaulichung und Vertiefung des im selbstgesteuerten
Lernen (bei Fremdsprachen vor allem: Wortschatz, Grammatik, Landeskunde,
Lesen, Schreiben) Erworbenen mittels Besprechung, Diskussion,
Rollenspielen usw., wobei es wünschenswert erscheint, die
Lerner auf ein sinnvolles selbstgesteuertes Lernen vorzubereiten,
ihnen den Einstieg (self-access) zu erleichtern, sie entsprechend
ihrem Lerntyp und den ihnen zur Verfügung stehenden Lernmitteln
bei der Auswahl der Materialien zu beraten, sie schließlich
bei der Arbeit beratend zu begleiten, sie dergestalt auf das künftig
notwendige lebenslange Lernen vorzubereiten.
Das Lernen am Hometerminal, dem auch in Zukunft "wichtigsten
Lernplatz für das individualisierte Lernen" (Kleinschroth
1993, 55) sollte die Schule - anders als bisher - nicht nur den
Eltern und den Nachhilfelehrern überlassen. | |||
| Vertrautheit der Lehrer, Lerner und Eltern mit den interaktiven Medien und ihre Einstellung dazu |
Die Vertrautheit der Lehrer, Lerner und Eltern mit den interaktiven Medien und ihre Einstellung zu ihnen korrelieren hoch miteinander und differieren beträchtlich.
Unstrittig ist die Tatsache, daß es einen statistisch relevanten
Zusammenhang zwischen Alter, Computerakzeptanz und der Geschwindigkeit
des Zugangs zu den interaktiven Medien gibt: Alter und Computerakzeptanz/Zugangsgeschwindigkeit
stehen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zueinander:
je jünger, desto positiver bzw. schneller.
Das Gesagte gilt natürlich nicht ohne Ausnahme: Wir machten
bei unseren Workshops für Lehrer des öfteren die Erfahrung,
daß ältere LehrerInnen "es noch einmal wissen
wollten", während jüngere es strikt ablehnten,
sich mit Multimedia zu beschäftigen. Allerdings sind dies
in der Regel ebenfalls Lehrerinnen, die weder in der Schule noch
in ihrer Ausbildung Computerkontakt hatten. Ihr Engagement für
den Computereinsatz machen letztere häufig von einer Vollausstattung
der Schule mit Computern abhängig. Diese ist zwar, wie wir
bereits darstellten, wünschenswert, aber derzeit zumindest
im Schulbereich illusorisch und für die Nutzung der modernen
Medien nicht das entscheidende Kriterium.
Die z.T. nachgerade rigoros vorgetragene Ablehnung der neuen Medien
durch viele Lehrerinnen hat außer der ungenügenden
Vorbildung auf diesem Gebiet sowohl weitere verständliche
objektive als auch subjektive Gründe: Da ist die Furcht vor
einem Versagen angesichts des Vorsprungs von Schülern und
anderen Kollegen auf diesem Gebiet, die man nicht unterschätzen
sollte. Eine große Rolle spielen bei älteren Lehrerinnen
auch schlechte Erfahrungen mit in der Vergangenheit ob ihrer angeblichen
Effektivität und Omnipotenz hochgelobten Lehrmitteln, angefangen
von der Programmierten Instruktion, über das Sprachlabor
bis zum Video, desgleichen die berechtigten Berichte über
die größtenteils nicht den zu stellenden Anforderungen
entsprechende Lernsoftware. Nachhaltiger Druck in Richtung Computereinsatz ist ergo auch in der Schule zu erwarten, wenn die sogenannte Nintendo-Generation in den Lehrerberuf einsteigt und wenn sich die von Rainer Büchner in dem von der Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen 1995 herausgegebenen Buch "Computer ist mehr" (8) formulierte Erkenntnis durchsetzt, daß speziell der Multimedia-Computer mehr ist als eine weiterentwickelte Schreib- und Rechenmaschine oder ein Spielgerät, mehr auch als ein Gegenstand des Informatikunterrichts, wobei das Mehr nicht nur quantitativ aufgefaßt werden darf, sondern daß auch neue, andere Qualitäten vorliegen, die z.T. erst richtig erkannt und gewertet werden müssen.
Das o.g. Buch ist auch insofern interessant, weil es ein Projekt
darstellt, in dem die beteiligten Lehrer Schritt für Schritt
an das neue Medium herangeführt wurden und seine sinnvolle
Einbindung in den Lehrprozeß erprobten.
Jeder, der mit multimedialen Fortbildungsveranstaltungen im schulischen
Bereich zu tun hat, wird feststellen, daß die Eltern in
einem erfreulichen Maße aktiv sind: Informationsveranstaltungen
werden oftmals eher von Eltern (die gleichzeitig LehrerInnen sind),
Schulleitungen und Schulfördervereinen initiiert als von
Lehrern. Daß die Eltern die Computernutzung eher als Problem
und Chance erkennen, liegt offenbar daran, daß sie täglich
mit dem Phänomen im Arbeits- oder Kinderzimmer, in dem Computer
stehen, konfrontiert sind. In den USA sind die Eltern viel stärker in die Angelegenheiten der Schule und die Mediennutzung involviert als in Europa. Damit ergibt sich für das Bildungswesen die Chance, nicht nur die Lerner, sondern auch die Eltern zu qualifizieren und sie in den gesamten Erziehungsprozeß einzubeziehen. Dies erscheint gerade angesichts der beträchtlichen Erziehungsprobleme nur allzu wünschenswert. Der Lehrer ist ja vor allem in den Stadtschulen häufig eher damit beschäftigt, die Klasse ruhigzustellen, als seinen Stoff zu vermitteln und Erziehungsarbeit zu leisten.
Die interaktiven Medien sind folglich auch unter diesem Gesichtspunkt
von Vorteil. | |||
| Lehr- und Lernort |
Der Lehr- und Lernort ist insofern von Bedeutung, als davon u.a.
die inhaltliche und pädagogisch-methodische bzw. psychologische
Gestaltung der Programme abhängt. Programme für den Homebereich müssen zwangsläufig selbsterklärend konzipiert sein, da hier Rückfragen beim Lehrenden unmöglich sind, sofern keine Online-Verbindung realisiert werden kann.
Ähnliches gilt für die betriebliche Nutzung von Lern-
bzw. Informationsprogrammen, wenn es sich nicht um sog. Assistenzprogramme
handelt. Letztere stellen, wie bereits dargestellt, eine besonders
effektive Form des Lernens am Arbeitsplatz dar, was insbesondere
für kleinere und mittlere Betriebe bedeutsam sein könnte.
Offene Programme eignen sich neben den geschlossenen vor allem
für Bildungseinrichtungen, weil hier in der Regel eine Hilfestellung
durch kompetente Bildungsexperten verfügbar ist.
Als besonders effektive, weil stark individualisierende Lern-
bzw. Studierform bzw. -institution kristallisieren sich mittlerweile
mit modernster Hardware ausgerüstete Selbstlernzentren (Self-access-centers)
heraus, die über einen großen Pool an Software verfügen.
Der entscheidende Durchbruch sowohl im Bildungswesen als auch in der Wirtschaft wird jedoch erst dann gelingen, wenn der vielzitierte Daten- bzw. Superdatenhighway tatsächlich funktioniert, auf dem man, sei es von der Schule, von zu Hause, vom Studentenwohnheim oder vom Betrieb aus, navigieren und die gesuchten Informationen finden kann. Hypermediale Lernprogramme sollten folglich nicht nur isoliert als vornehmliche Nutzung von CD-ROMs in PCs betrachtet, sondern stets im Zusammenhang mit der Telekommunikation/der Datenfernübertragung (DFÜ) gesehen werden, die sich bereits heute nicht mehr nur des geschriebenen Wortes bedient, wie das bei der klassischen Elektronischen Post (E-Mail) der Fall ist, sondern auch alle Elemente von Hypermedia zur globalen Kommunikation auf allen Gebieten (auch in Gestalt von Multimedia-Mail) nutzt.
Dieser auch ökonomisch bedingte Trend (Firmen und Behörden
sind an z.T. weit verteilten Standorten situiert, müssen
aber effektiv kooperieren) wird sich außerordentlich rasch
verstärken und alle Bereiche tangieren. Viele auf CD-ROMs gespeicherte multimediale Lernprogramme können auch in Gestalt eines Learning-on-demand direkt von den Netzen abgerufen werden, d.h., man braucht diese oft teuren Programme nicht zu kaufen, und sie können in ihrer jeweils aktuellen, verbesserten Fassung genutzt werden. Ein solcher Weg wird heute bereits mit den in den Netzten angebotenen Enzyklopädien (s. Bertelsmann-Lexikon in CompuServe) beschritten. Mancherorts wird die u.E. nicht von der Hand zu weisende Vermutung geäußert, daß die CD-ROM lediglich eine Übergangslösung sein könnte, bis Speicherkapazität und Bandbreite von Online-Verbindungen die erforderliche Größe haben, um sie zu ersetzen.
Die Formulierung von Bill Gates "Information at your fingertips"
erhält damit eine neue Dimension.
Interessant ist die On-Line-Bildung auch für Frauen, die
aus familiären Gründen eine Beschäftigungspause
eingelegt haben bzw. einlegen. Die On-Line-Schulung erspart ihnen
Fahrtgeld und Babysitter. | |||
| Zur Verfügung stehende Unterrichtszeit |
Die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit beeinflußt selbstverständlich Umfang und Art des Einsatzes der interaktiven Medien. In stundenintensiven Fächern dürfte der Anteil der interaktiven Medien am Unterrichtsgeschehen größer sein als in Fächern mit geringen Stundenzahlen, auch damit der Lehreranteil und die Erreichung der übergeordneten Ziele nicht zu sehr reduziert werden.
In Absprache mit den übrigen Lehrern sind jedoch alle Möglichkeiten
der fächerübergreifenden Verbindung durch interaktive
Medien zu nutzen, die dieses Prinzip insbesondere mittels ihrer
Hyperfunktion (vgl. insbesondere CD-ROMs wie Bookshelf, Lexirom,
Encarta) realisieren und damit die Komplexität der objektiven
Realität besser widerspiegeln, als dies oftmals in den einzelnen
Fächern der Fall ist. Dort geht die Sicht auf das Ganze durch
Konzentration auf den jeweiligen Gegenstand häufig verloren.
Den Lernern wird dann die wechselseitige Verbindung zu anderen
Erscheinungen nicht deutlich, so daß das für die Bewältigung
künftiger, neuartiger Anforderungen notwendige kreative Verhalten,
vernetzte Denken nicht in genügendem Maße befördert
wird. Theoretisch können die interaktiven Medien auch in den Fächern mit geringen Stundenzahlen alle o.g. didaktischen Funktionen übernehmen, praktisch wird man sie jedoch wohl vorrangig zur Motivierung/Einstimmung bzw. im Rahmen der Erarbeitung zur Veranschaulichung komplizierter Sachverhalte und Geschehen bzw. zur Festigung/Systematisierung einsetzen.
Die selbständige Arbeit am Hometerminal spielt in diesen
Fächern eine große Rolle, zumal hier inzwischen recht
gute Softwareangebote (vgl. Musik, Astronomie, Geschichte, Kunsterziehung)
vorliegen. Der Einsatz interaktiver Medien in größerem Umfang wird zweifellos mit der gegenwärtigen Zeit- und Organisationsordnung des Schulbetriebs kollidieren. Einerseits gerät die individualisierte Stoffaneignung mit ihren z.T. beträchtlichen Unterschieden im Lerntempo von Schüler zu Schüler in Widerspruch zum 45-Minuten-Fachwechselrhythmus.
In ähnlicher Weise trifft dies für die Projektarbeit
zu, die nicht ohne Motivations- und Substanzverlust willkürlich
abgebrochen werden kann.
Interaktive Medien kommen auch den in anglo-amerikanischen Bildungseinrichtungen
schon lange erfolgreich praktizierten Tutorensystemen, bei denen
ältere bzw. computererfahrenere Lerner (was keineswegs identisch
sein muß) die weniger erfahrenen unterstützen, sehr
entgegen. Von diesen Lernerpaaren kann nicht die gleiche Zeitplanung
und -realisierung erwartet werden wie von einem Lehrer.
Der 45-Minuten-Rhythmus mit seinem Fächerwechsel steht auch
der Forderung nach ganzheitlichem Lernen diametral entgegen: Es
wird zu wenig darauf geachtet, daß das, was in den Stunden
getrennt dargeboten wurde, von den Lernern integrativ verarbeitet
wird. Schließlich stellt sich die bereits zur Zeit des programmierten Unterrichts aufgeworfene Frage nach dem Ersatz der Jahrgangs- durch Leistungsklassen neu; denn die Individualisierung des Lernens wird zu großen Leistungsunterschieden in einzelnen Fächern führen, die zu einer Durchlässigkeit der starren Klassenverbände führen muß. Inwiefern man diese Tendenz durch Beibehaltung der Jahrgangsklassen in den sozial-erzieherisch orientierten Fächern bzw. -bereichen relativieren kann, müßte erprobt werden.
Ausführliche Erörterungen zum Einsatz interaktiver Medien
finden sich in der Monografie "Multimedia - eine neue Herausforderung
für den Fremdsprachenunterricht" von M.Hahn/S.Künzel/G.Wazel,
die im 2.Quartal 1996 im Verlag Peter Lang erscheint. | |||
| © IIK e.V. | ||||